Hublot
Der Big Bang am Handgelenk


Es dauerte nicht lange, bis die Hublot im Bullaugenlook ihren Platz an prominenten Handgelenken eroberte. Beispielsweise fand der spanische König Juan Carlos Gefallen am Neu- und gleichzeitig auch Andersartigen. Das steckte an, förderte die Verkäufe, machte irgendwann aber auch träge. Mangels echter Innovationen begannen die einst begehrenswerten Armbanduhren in der Käufergunst zu sinken. Und zwar so tief, dass MDM und Hublot 2004 in eine ungewisse Zukunft blickten. Im Tal der Tränen angekommen, erwies sich Jean-Claude Biver als sprichwörtlicher Weißer Ritter. Der erfahrene Uhr-Manager mit reichen Erfahrungen bei Audemars Piguet, Blancpain und Omega kam, sah und sanierte durch sein gleichermaßen aufsehenerregendes wie ausgeklügeltes Fusions-Konzept.
Der zweite Urknall mit der Hublot Big Bang
Schon 2005 ging selbiges in Gestalt der überaus markanten „Big Bang“ an den Start. Natürlich polarisierte der vom Designer Mijat gestaltete chronographische „Urknall“. Und das war auch voll und ganz beabsichtigt. Mit einem Durchmesser von 44,5 Millimetern war er am Handgelenk schlichtweg nicht zu übersehen. Von den rund 70 Komponenten der markanten Schale eignet sich ein gutes Dutzend für fusionierende Aspekte: Glasrand, Dichtring, vordere und hintere Deckplatten, Gehäusekorpus, separate Flanken links und rechts, die rückwärtige Lünette, Krone und Drücker, die beiden Verblendungen für die Bandanstöße und natürlich auch das Armband selbst. Zusätzlichen Spielraum bieten jene 14 Schrauben, welche das Ganze gleichermaßen fest wie wasserdicht zusammenhalten. Auf diese Weise gestattet die „Big Bang“ durch die Verwendung bekannter oder auch innovativer Materialien wie Titan, farbiger Keramik, Karbon, Saphir oder kratzfestes „Magic Gold“ bei ansonsten unveränderter Gestalt immer wieder neuartige, teilweise auch sehr verblüffende Auftritte. Der Erfolg machte sich für Carlo Crocco und Jean-Claude Biver bezahlt. Letzterer schraubte den Umsatz in nur vier Jahren Umsatz bis 2008 von sechs auf rund 250 Millionen Schweizerfranken hoch, erzielt durch rund 30.000 verkaufte Uhren. Durch sein Engagement konnte er sich mit 20 Prozent am Hublot-Kapital beteiligen. Lieber gerne hätte Biver die Hublot ganz übernommen. Aber da machte ihm Crocco einen Strich durch die Rechnung. Still und leise handelte der Italiener mit dem französischen Luxuskonzern LVMH die Übernahme aus. Im April 2008 ging sie für rund eine halbe Milliarde Franken über die Bühne. Danach verdingte sich der gebürtige Luxemburger mit heißem Herzen für die Schweizer Uhrenbranche in gewohnt professioneller und effizienter Weise wieder als gut bezahlter Angestellter.
Hublot und Ferrari
An Ideen mangelte es ihm auch weiterhin nicht. In einer nagelneuen Fabrikationsstätte am Stadtrand von Nyon entstehen mittlerweile unterschiedliche Manufakturkaliber mit langer Gangautonomie, Chronograph, Tourbillon und anderen hilfreichen Zusatzfunktionen.
2010 unterzeichneten Jean-Claude Biver und Luca die Montezemolo einen bemerkenswerten Partnerschaftsvertrag. Zehn Jahre bis Ende 2020 kooperierte Hublot mit Ferrari. In dieser Epoche entstanden spektakuläre Zeitmesser, welche die Faszination der italienischen Straßenboliden ans Handgelenk brachten. Für Biver erfüllte sich damit ein alter Traum. Eigentlich hätte die „Big Bang“, der unangefochtene Markenleader von Anbeginn eine Ferrari-Uhr werden sollen. Doch 2004 lehnte Jean Todt dankend ab. Hublot war dem Teamchef der Scuderia Ferrari zu unbekannt. Zum Glück. Möchte man sagen, denn niemand weiß, was sonst aus Hublot geworden wäre. Aus dem operativen Tagesgeschäft hat sich Biver längst zurückgezogen. Selbiges verantwortet sein langjähriger Weggefährte Ricardo Guadalupe. Die Kooperation mit Künstlern wie Richard Orlinski, Maxime Plescia-Büchi oder Takashi Murakami sorgt regelmäßig für Aufsehen. Darüber hinaus geht 2021 eine echte Weltpremiere an den Start. Erstmals in der Geschichte der Armbanduhr gibt es ein Modell mit dem totalen Durchblick. Beim neuen „Big Bang Integral Tourbillon Full Sapphire“ gesellt sich zum transparenten Saphirgehäuse auch ein Gliederband aus dem gleichen Material. Jedes der insgesamt nur 30 Exemplare beseelt das Kaliber HUB6035. Bei ihm dient anthrazitfarbenes Ruthenium zur Fertigung der Platine, Saphir zu Herstellung der Brücken und Weißgold zur Produktion der Schwungmasse.
Gisbert L. Brunner