Tudor
Die Rolex nicht nur für Einsteiger


Tudor gehört zu Rolex
Weil Genfer Schmuckhändler Isaac Blumenthal am 13. Dezember 1906 markenrechtlichen Schutz für Tudor erhalten hatte, musste Hans Wilsdorf zunächst einmal zurückstecken. Ab 1926 geboten Philippe Hüther und danach dessen Witwe über den Namen. Wie Dokumente belegen, steckte dahinter aber schon Hans Wilsdorf. Zehn Jahre später gehörten ihm die Rechte. Weitere zehn Jahre, ganz genau am 6. März 1946 hob der Rolex-Patron in Genf die „Montres Tudor SA“ aus der Taufe. Den Sinn und Zweck dieser Firmengründung beschrieb er selbst sehr zutreffend: „Mehrere Jahre lang habe ich über die Herstellung einer Armbanduhr nachgedacht, die von unseren Fachhändlern preisgünstiger verkauft werden kann als unsere Rolex, die jedoch ebenso zuverlässig ist. Nun habe ich beschlossen, eigens für die Fabrikation und Vermarktung einer solchen Uhr eine Firma zu gründen, und der Name dieser Firma lautet Montres Tudor SA.“ Wie schon bei der 1908 eingetragenen Marke Rolex dachte und handelte Hans Wilsdorf schlichtweg genial. Nach dem Lancement der „Datejust“ im Jahr 1945 war ihm klar geworden, dass seine Armbanduhren den Zenit ihrer ersten Entwicklungsphase erreicht hatten. Zu ihren herausragenden Eigenschaften gehörten Alltagstauglichkeit, Präzision und Funktionalität. Und daran sollten auch weniger betuchte Zeitgenossinnen und -genossen mit hohen Qualitätsansprüchen teilhaben. Exakt diesem Anspruch wurde die von 1947 bis 1952 produzierte Tudor „Oyster“ vollauf gerecht. Dass seine Kreationen auch in fernen Ländern auf positive Resonanz stießen, war auch dem persönlichen Engagement des Inhabers der Genfer Montres Rolex SA zu verdanken. Eine stilisierte Rose als Logo erinnerte an das Wappen des ausgestorbenen englischen Herrscherhauses. 1952 begleitete eine bemerkenswerte Presse- und Werbekampagne die Einführung der „Oyster Prince“ Kollektion. Hans Wilsdorf wollte der ins Auge gefassten Zielgruppe die besondere Belastbarkeit dieser Tudor-Armbanduhren während harter Arbeit, beim Sport oder in sonst wie rauer Umgebung demonstrieren. Zum Beweis der Zuverlässigkeit begleiteten noch im gleichen Jahr 30 Exemplare die wissenschaftliche Expedition der britischen Royal Navy ins eisige Grönland. Noch bis ins späte 20. Jahrhundert fanden Tudor-Zeitmesser mit Original Oyster-Gehäusen an die Handgelenke. Bei den Uhrwerken setzte Wilsdorf auf Zugekauftes. Schließlich gehörte der kleine aber signifikante Unterschied zur Tudor-Philosophie. Kenner und Sammler schätzen frühe Zeitmesser wie beispielsweise die 1954 vorgestellte Tudor „Submariner“ oder die „Monte Carlo“ getauften Chronographen. Vor allem die Version mit 40 Millimeter großer „Oyster“-Schale, „Oyster“-Gliederband und dem Schaltrad-Kaliber Valjoux 234 Schaltradkaliber ist Liebhabern inzwischen einen fünfstelligen Euro-Betrag wert. Eine Zäsur brachte 2002, als Rolex seiner Tochter ein höheres Maß an gestalterischer Eigenständigkeit und Emanzipation einräumte. In diesem Jahr startete aber auch eine Phase des Stocherns im Nebel. Es mangelte an einer klaren Ausrichtung der Modellpolitik. Von Erfolg waren viele Kreationen der Epoche bis 2015 nicht unbedingt gekrönt.
Dann unternahm Tudor einen zweiten Anlauf ins Manufaktur-Zeitalter. Der erste von 2001 hatte die Automatikkaliber T 8000 für Damenuhren sowie die maskulinen T 8008 mit kleinem und T 8050 mit zentralem Sekundenzeiger hervorgebracht. Die damit ausgestatteten Armbanduhren sind ausgesprochen rar. 2015 sorgte das neu konstruierte Automatikkaliber MT5621 in der Uhrenlinie „North Flag“ für Aufsehen. Nach Vollaufzug stehen ungefähr 70 Stunden Gangautonomie zur Verfügung. Bei der baugleichen Schwester MT 5612 fehlt die Gangreserveindikation. Fulminant startete die ab 2016 mit der „Black Bay“ durch. Diese sportive, bis 20 bar wasserdichte Uhrenlinie kann mittlerweile mit Fung und Recht als unangefochtener Leader der Tudor-Kollektion gelten. Für die „Black Bay GMT“, deren Optik der Rolex „GMT-Master II Pepsi“ ähnelt, und deren Manufaktur-Automatik MT5652 auch die gleiche Zeitzonen-Funktionalität besitzt, müssen sich Interessenten in Geduld üben.
Das gilt auch für die nur 39 Millimeter messende „Black Bay Fifty-Eight“ mit dem kleineren Automatikkaliber MT5402. Besonders begehrt ist hier die Referenz M79030-001. 2021 wartet Tudor mit der einzigartigen „Black Bay Fifty-Eight 925“ auf. Erstmals in der Geschichte belastbarer Taucheruhren besteht die Schale aus massivem Silber mit einem Reinheitsgehalt von 925/1000. Die erste Lieferung an einen ausgewählten Kreis von Konzessionären war sofort ausverkauft. Und der Parallelmarkt verlangt bereits Aufpreise.
Gisbert L. Brunner