Jaeger-LeCoultre

Seit 1833 im Vallée de Joux

Jaeger-LeCoultre

Jaeger-LeCoultre
Mit Fug und Recht trägt das abgeschiedene, auf rund 1.000 Metern Höhe gelegene und von einem riesigen Waldgebiet umgebene Vallée de Joux als „Tal der Tüftler“. Währen langer Wintermonate hatten die Bauern in ihren verschneiten Häusern sehr viel Zeit und Muße. Dabei dachten manche von ihnen über Mechanismen nach, welche feinen Taschenuhren ein Plus an Funktionalität brachten. Bald waren die noblen Genfer Fabrikanten abhängig von den im Rohzustand gelieferten Werken und Kadraturen. In Le Sentier, einer Ortschaft am südwestlichen Ende des malerischen Jouxsees begann Antoine LeCoultre 1833 mit der Herstellung von Zahnrädern. Darüber hinaus schlug das Herz des damals dreißigjährigen Mechanikers für präzise Werkzeuge und Maschinen. 1844 bescherte das „Millionometer“, ein geniales Gerät mit dem man erstmals auf 1/1000 Millimeter messen konnte, einen mächtigen Genauigkeitsschub. Mehr oder minder renommierte Uhrenfabrikanten versorgte LeCoultre mit zuverlässigen Rohwerken unterschiedlicher Dimension. Diese Kreationen machten ihn zum größten Arbeitgeber in dieser strukturschwachen Region. 1877 begannen die Söhne mit der Herstellung hilfreicher Zusatzmechanismen. Gemeint sind Chronographen, Kalendarien oder Repetitionsschlagwerke. 1903 entstand ein „Rasierklinge“ getauftes Kaliber mit nur 1,38 Millimetern Bauhöhe. 1929 folgte das weltweit kleinste Handaufzugswerk. Nur 4,85 x 14 mm misst das legendäre Kaliber 101. Seine 74 Teile wiegen es weniger als ein Gramm.

Jaeger-LeCoultre Reverso

Ab 1931 machte die inzwischen achtzig Jahre alte und immer noch taufrische „Reverso“ von sich reden. Die Geschichte der „Armbanduhr mit dem Dreh“ begann in Indien, wo polospielende englische Soldaten Klage über brechende Kristallgläser ihrer Armbanduhren geführt hatten. Des Weiteren gehört Jaeger-LeCoultre zu den Pionieren der Armbanduhr mit integrierter Alarmfunktion. Seit 1951 ist die „Memovox“ am Uhrenmarkt vertreten. Auf gut Deutsch meint der Name nichts anderes nichts anderes als „Stimme der Erinnerung“. Im Laufe der Jahrzehnte entstand eine Vielzahl unterschiedlicher Manufakturwerke mit manuellem oder automatischem Aufzug. Darüber hinaus kümmerten sich einfallsreiche Ingenieure auch um Gehäuse, welche die besonderen Fähigkeiten des tönenden Innenlebens in nahezu allen Lebenslagen zur Geltung bringen: In der Luft, auf der Erde sowie tief unter dem Meeresspiegel.

Zu den bahnbrechenden Innovationen gehörte 1953 die „Automatik SR 497“ mit Beinamen „Futurematic“. Bei ihr arretiert eine ausgeklügelte Blockiervorrichtung die Pendelschwungmasse nach Erreichen des Vollaufzugs.

Das Internationale Geophysikalische Jahr (IGJ) vom 1. Juli 1957 bis zum 31. Dezember 1958 inspirierte Jaeger-LeCoultre zur Kreation des offiziell zertifizierten „Geophysic Chronometer“. Das Lancement der Armbanduhr, deren Weicheisen-Innenschale das 28,25 mm große und 4,55 mm hohe Kaliber P 478/BWS/br bis zu 600 Gauss vor Magnetfeldern schützte, erfolgte 1958. Beim genannten Handaufzugswerk handelte es sich um eine besonders edle Version des vielfach in Militär-Armbanduhren bewährten 478.

1978 gelangte die bedingt durch schwingende Quarze wirtschaftlich heftig notleidende Manufaktur gemeinsam mit der Schaffhauser IWC unter das Dach des Tachometerfabrikanten VDO. Der deutsche Ingenieur Günter Blümlein, welcher 1980 die Zügel in seine Hände nahm, bescherte dem Traditionsunternehmen ein fulminantes Comeback. Neben der 1979 wiederbelebten „Reverso“ gewann das Thema Komplikationen einen immer höheren Stellenwert. Ohne die geballte Kompetenz von rund 180 beruflichen Qualifikationen unter den Dächern der weitläufigen Gebäudeteile in Le Sentier wären das sphärisch rotierende „Gyrotourbillon“, die „Hybris Mechanica Grande Sonnerie“ mit gut 1.300 mechanischen Komponenten und 26 verschiedenen Funktionen oder die während der Watches & Wonders vorgestellte „Reverso Quatriptyque“ mit gleich vier Zifferblättern absolut undenkbar. Jaeger-LeCoultre betrachtet es als Selbstverständlichkeit, auch die besonders anspruchsvollen Anker des Hemmungssystems und Unruhspiralen selbst herzustellen. Vor der Lieferung muss jeder einzelne Zeitmesser ganze 1.000 Stunden auf den Prüfstand. Der 1992 eingeführte „Master“-Test gilt als eine der strengsten Prüfungen für Armbanduhren überhaupt. Anders als bei der offiziellen Chronometerprüfung werden samt und sonders fertig eingeschalte, selbstverständlich mit Zifferblatt und Zeigern versehene Exemplare auf die knallharte Teststrecke geschickt. Dort erfolgt die Prüfung nach klar definierten Maßgaben abwechslungsweise in sechs Positionen bei verschiedenen Temperaturen. Hinsichtlich der Regulierung haben sich die Verantwortlichen bei Jaeger-LeCoultre selbst ein Präzisionsspektrum verordnet. Zulässig sind minimale Gangabweichung von täglich einigen Sekunden. Was 1992 mit der Uhrenlinie „Master Control“ begann, fand 2020 seine Fortsetzung in rundum überarbeiteten Armbanduhren. Und zwar einmal hinsichtlich des optischen Auftritts der unterschiedlichen Zeitmesser. Anderseits haben sich die Techniker aber auch den verbauten Manufakturkalibern zugewandt. Künftig besitzen diese 70 Stunden Gangautonomie.

Gisbert L. Brunner

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