A. Lange & Söhne
Auferstanden aus Ruinen


Etablierung der Uhrenproduktion in Glashütte
Nach seiner Ausbildung zum Uhrmacher, der Philanthrop die Arbeitslosigkeit und Armut im Müglitztal bekämpfen. Mit beinahe unzähligen Briefen bat er die sächsische Regierung um finanzielle Unterstützung bei der Etablierung einer Uhrenproduktion in der strukturschwachen Gemeinde Glashütte. Nach langwierigem Schriftwechsel und zähen Verhandlungen vereinbarte Adolph Lange am 31. Mai 1845 mit dem Kgl. Sächsischen Ministerium des Inneren die Ausbildung von 15 Jugendlichen innerhalb von drei Jahren zu Uhrmachern. Die erste Lehrlings-Liste umfasste einen Malgehilfen, zwölf Strohflechter, vier Dienstburschen, einen Landwirtschaftsgehilfen, einen Steinbruch und einen Winzerarbeiter. Einige der „Naturburschen“ sprangen wegen Nichteignung schon nach relativ kurzer Zeit ab. Der Rest bildete den Stamm der ersten Lange-Mannschaft. Trotz immensen Engagements drohte das Unterfangen mehrfach zu scheitern. Einmal fehlte es an qualifiziertem Personal, dann auch wieder am lieben Geld. Für den Erfolg investierte Adolph Lange sein persönliches Vermögen und das seiner Frau. Es lohnte sich. Als der angesehene Firmengründer 1875 starb, hinterließ er seinen Söhnen und Enkeln nicht nur einen florierenden Betrieb mit rund 100 Mitarbeitern, sondern auch eine Vielzahl internationaler Auszeichnungen für Uhren feinster Qualität und höchster technisch-handwerklicher Vollendung.Das Städtchen Glashütte verdankt dem unbeugsamen Menschenfreund die Entwicklung zum anerkannten Mekka der deutschen Feinuhrmacherei. Neben klassischen Taschenuhren entstanden in der abgeschiedenen Gegend, die sich irgendwie mit dem Westschweizer Jura vergleichen lässt, einfache und komplizierte Taschenuhren. Zivile Zeitmesser fürs Handgelenk gab es auch, in der Produktpalette spielten sie jedoch eine eher untergeordnete Rolle.
A. Lange & Söhne Fliegeruhr
Während des Zweiten Weltkriegs orderten die Deutschen Militärbehörden gleichermaßen markante wie präzise Flieger‑Armbanduhren mit Taschenuhrwerk, Gehäusedurchmesser 55 mm. Eine Art Strafe waren 1945 die Zerstörung und Plünderung der Fabrikanlagen durch russische Truppen.
Volkseigener Betrieb im Sozialismus
Im Frühling 1948 ging es in Glashütte unter den nun sozialistischen Machthabern als Volkseigener Betrieb weiter. Von der einstigen Identität blieb dabei allerdings gar nichts übrig. A. Lange & Söhne verfiel in einen Dornröschenschlaf, welcher erst mit dem Fall der Deutschland trennenden Mauer endete.
Lange 1, Tourbillon pour le mérite, Arkade und Saxonia
Gemeinsam mit der deutschen VDO/Mannesmann-Gruppe rief Walter Lange, der Urenkel des Firmengründers 1991 die neue Lange Uhren GmbH ins Leben. Drei Jahre später, 1994 ging die erste Neuzeit-Kollektion mit den Modellen „Lange 1″, „Tourbillon pour le mérite“, „Arkade“ und „Saxonia“ an den Start. Unter der Ägide des charismatischen Managers Günter Blümlein erlebte A. Lange & Söhne einen fulminanten Aufstieg wie weiland Phönix aus der Asche. Ein neues Manufakturkaliber jagte förmlich das andere. Die noblen Sachsen definierten das gesamte Spektrum uhrmacherischer Komplikationen auf ihre ganz besondere Weise. Bald schon brauchte es die anfängliche Unterstützung der eidgenössischen Schwestern IWC und Jaeger-LeCoultre nicht mehr. Sie sowie A. Lange & Söhne schlüpften 1996 unter ein gemeinsames Dach namens „Les Manufactures Horlogères“, kurz LMH genannt. Am 20. Juli 2000 erwarb der Richemont-Konzern besagte LMH samt ihrer drei Marken für bemerkenswerte 2,8 Milliarden Schweizerfranken, was damals 3,52 Milliarden Deutsche Mark entsprach.
An der Philosophie kleiner Stückzahl, doppelter Montage aller Uhrwerke und höchster Handwerkskunst änderte sich nichts. Jedes Jahr entstehen in den feinen Ateliers weniger als 10.000 Zeitmesser. Die Fertigungstiefe beträgt mehr als 95 Prozent. Sie umfasst auch die schwierig herzustellenden Unruhspiralen.
A. Lange & Söhne Highlights
Zu den Highlights nach dem Comeback gehört zweifellos das 1994 lancierte Großdatum, dessen Design an die digitale Großuhr in der Dresdner Semperoper erinnert. Einzigartig ist auch das Spektrum an Chronographen, angefangen beim 1999 vorgestellten „Datograph“ mit Flyback-Funktion über den „Tourbograph pour le mérite“ bis hin zu Weltpremieren wie „Double Split“ und „Triple Split“ mit doppeltem bzw. dreifachen Schleppzeiger.
A. Lange & Söhne Odysseus löst einen Hype aus
Ein echtes Glashütter Mechanik-Monument ist das „Zeitwerk“ mit digitalen Indikationen der Stunden und Minuten. Diese Armbanduhr gibt es auch mit Minutenrepetition. Natürlich offeriert A. Lange & Söhne auch ewige Kalender und Weltzeitindikationen, Hemmungen mit konstanter Kraft, sächsisch Nachspannwerk getauft oder springende Sekundenzeiger wie in einem Quarzwerk. Einen echten Hype löste 2019 die sportlich-elegante „Odysseus“ mit stählernem Gehäuse und Gliederband aus. Wer eine solche Automatik-Armbanduhr möchte, muss sich in eine lange Warteschlange einreihen.
Gisbert L. Brunner