IWC
Eine bewegte Erfolgsgeschichte

Gründung der International Watch Company durch einen Amerikaner

Wann genau im Jahr 1868 es war, lässt sich retrospektiv nicht mehr feststellen. Eines Tages jedoch beschäftigte sich ein gewisser Florentine Ariosto Jones in Boston, Massachusetts, mit der Frage, ob es nicht zweckmäßiger wäre, die in Amerika immer beliebteren Taschenuhren kostengünstig in Europa herstellen zu lassen. Diese Gedanken ließen den Unternehmer schon bald darauf in die Schweiz reisen. Dort wiederum führten ihn die Wege aus unbekannten Gründen nach Schaffhausen. In der deutschsprachigen Stadt hatte der Uhrmacher Johann Heinrich Moser nicht nur kurz davor das Energiepotential des Rheinfalls für gewerbliche Zwecke nutzbar gemacht, sondern auch Gebäude für Fabrikansiedlungen errichtet. Die Offerte, sich dort einzumieten, kam dem Amerikaner sehr entgegen. 1869 kam der Vertrag zustande. Schon zwei Jahre später konnte die International Watch Co. ihre ersten Taschenuhrwerke vorstellen.
IWC – Die einzige hochrangige Uhrenmanufaktur in der deutschen Schweiz
Anschließend erwies sich das anvisierte Ziel, jährlich mindestens 10.000 Taschenuhren zu produzieren und ins ferne Amerika zu versenden, als absolute Utopie. Mangels Umsatz sank die Liquidität rapide. Ein Konkurs im Jahr 1875 war unvermeidbar. Der Firmengründer setzte sich still und leise ab. Auch das Sanierungskonzept des neuen amerikanischen Direktors Ferdinand F. Seeland zeigte keine Wirkung. Nach einem zweiten Zusammenbruch erwarb Johannes Rauschenbach das Unternehmen. Bis 1978 hatte die Familie dann das Sagen bei der einzigen hochrangigen Uhrenmanufaktur in der deutschen Schweiz. Dann bewirkte die Quarzuhren-Revolution erneut massive Zahlungsschwierigkeiten. Als neuer Eigentümer präsentierte sich der bekannte Tachometerfabrikant VDO. Selbiger gelangte 1991 unter das Dach des deutschen Mannesmann Konzerns. Seit Juli 2000 gehört die kurz IWC genannte Firma zum Richemont-Konzern.
Die bewegte, teils richtig schillernde Biographie darf freilich nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Techniker und Uhrmacher in Schaffhausen über viele Jahrzehnte hinweg Vorzügliches auf ihrem Gebiet geleistet haben. Zum Beispiel entstanden viele herausragende Handaufzugs- und Automatikkaliber für Taschen und Armbanduhren. Eigene Komplikationen wie Chronographen, Kalendarien oder Repetitionsschlagwerke waren bis 1985 hingegen Fehlanzeige. Während der Basler Uhrenmesser besagten Jahren lancierte IWC die „Da Vinci“ mit selbst entwickeltem ewigen Kalender, angetrieben vom bekannten Chronographen-Kaliber 7750. 1986 fand diese Uhr mit dem ersten kratzfesten Keramikgehäuse auf den Markt.
IWC Fliegeruhren seit 1936 für Piloten
Zu den bekanntesten Zeitmessern aus Schaffhausen gehören die erstmals 1936 angebotenen Fliegeruhren. 1940 die Große Fliegeruhr mit dem opulenten Handaufzugskaliber 52C, Diese verfügte erstmals über einen wirksamen Schutz gegen Magnetfelder. Zivilere Ausmaße besaßen die militärische „Mark X“ und die legendäre „Mark XIA von 1948. Letztere kann das Attribut „Kult Uhr“ mit Fug und Recht für sich in Anspruch nehmen. Jedes Exemplar hatte vor der Lieferung hatte ein 44-tägiges Testprogramm für „Navigator Wrist Watches“ zu durchlaufen. Dabei wurde es in fünf Positionen sowie bei Temperaturen zwischen minus fünf und plus 46 Grad Celsius auf ihre Ganggenauigkeit hin überprüft. Für die Royal Air Force bestimmte Exemplare tragen auf dem Zifferblatt den so „Broad Arrow“. Sammler professioneller Vintage-Pilotenuhren schwören auf dieses Modell mit Weicheisen-Innengehäuse.
Die bekanntesten IWC Modelle: Portugieser, Ingenieur, Portofino und Aquatimer
Neben den Fliegeruhren gehören die Linien „Portofino“ und „Portugieser“ zum festen Bestandteil der Kollektion. In Gestalt des ersten „Aquatimer“ gelangte 1967 die erste Taucheruhr aus Schaffhausen auf den Markt. Wasserdichtes erfreute sich ab 1999 konsequenter Pflege und Evolution.
Schon 1944 hatte bei IWC die Ära des Selbstaufzugs begonnen. Dabei achtete der damalige Konstruktionschef Albert Pellaton insbesondere auf effiziente Kraftübertragung vom Rotor zum Federhaus sowie eine robuste Lagerung der Schwungmasse. Etliche Merkmale der damaligen Entwicklungen finden sich auch in den aktuellen Kaliberfamilien mit Aufzugsautomatik wieder. Das Handaufzugskaliber 98295 erinnert an den Firmengründer F. A. Jones. Über einen Schaltrad-Chronographen verfügt die Kaliberfamilie 69xxx. Aus Schaffhausen finden Armbanduhren mit Tourbillon oder Konstantkraft-Hemmung ebenso an die Handgelenke der weltweiten Klientel. Zu den neuesten Kreationen gehören Zeitmesser mit innovativer Gezeiten-Indikation oder seit der Watches & Wonders 2021 mit extremer Stoßfestigkeit. Bei der „Big Pilot’s Watch Shock Absorber XPL“ hängt das Manufakturkaliber 32115 mit Werkplatte aus einer raumfahrterprobten Aluminiumlegierung an einer freitragenden Feder. Deren Form und die Verwendung von Bulk Metallic Glass (BMG) bewirken, dass Beschleunigungskräfte von mehr als 30 000 g keinen Schaden anrichten können.
In Sachen Stückzahlen und Umsatz rangiert IWC bei den Uhrenmarken der Richemont-Gruppe nach Cartier auf Platz zwei. Aktuell sorgen schätzungsweise 130.000 Zeitmesser für Erlöse in Höhe von rund 540 Millionen Schweizerfranken. Florentine Ariosto Jones wäre mächtig stolz auf das, was heute aus seiner einstigen Pleitefirma geworden ist.
Gisbert L. Brunner