
Mit jener Piratenmarke Nomos, die Clemens Guido Müller und sein Schwager Karl Nierbauer 1906 ins Leben riefen, hat die heutige Manufaktur Nomos Glashütte absolut nichts mehr zu tun. Anfang des 20. Jahrhunderts ging es um den Import und Vertrieb Schweizer Uhren mit der imageträchtigen Zusatz-Signatur „Glashütte“. Das missfiel dem sächsischen Uhr-Establishment so sehr, dass es Klage gegen dieses Handeln erhob. 1910 endete dieses eher unrühmliche Kapitel der Nomos-Biographie. Als Roland Schwertner 1991 mit der wiederbelebten Marke an den Start ging, musste er mit ähnlichen Problemen kämpfen. Wettbewerber protestierten vehement gegen Schweizer Kaliber in Glashütter Nomos Uhren. Aber der ehemalige EDV-Spezialist ließ sich nicht von seinen Plänen abbringen. Das von der Grafikdesignerin Suzy Günther gestaltete Debütmodell „Tangente“ kam an beim anvisierten Publikum. Die Zeit bewahrte das 1971 lancierte Handaufzugskaliber Peseux 7001 mit 23,3 Millimeter Durchmesser, 2,5 Millimeter Bauhöhe, rund 44 Stunden Gangautonomie und kleiner Sekunde. Im Laufe der Jahre entwickelte Nomos dieses Mikrokosmos sukzessive zu einem Werk aus eigener Manufaktur weiter. Heute repräsentiert als weitgehend selbst gefertigtes α (Alpha) die tickende Einstiegsklasse des breit gefächerten Spektrums ausschließlich selbst entwickelter und gefertigter Zeit-Mechanik. Am anderen Ende der Skala rangiert das 32 Millimeter messende DUW 1001 mit manuellem Aufzug. Glashütter Uhrmacherkunst par excellence verstrahlt die Platine mit vornehmem Sonnenstrahlenschliff. Sie überdeckt drei Viertel des Mechanismus und trägt nicht weniger als sechs verschraubte Goldchatons zur Lagerung der Zapfen des Räderwerks. Stündlich 21.600 Halbschwingungen vollziehen die Unruh mit echten Masseschrauben und die selbst gefertigte Spirale. Zeichen uhrmacherischer Exzellenz ist auch eine Schwanenhals-Feinregulierung auf dem handgravierten Unruhkloben. Trotz einer Bauhöhe von nur 3,6 mm bietet dieses Uhrwerk Platz für zwei Federhäuser. Das Duo gewährleistet 84 Stunden Gangautonomie, am Zifferblatt dargestellt durch eine geradezu riesige Gangreserveanzeige. Ein Unruhstopp gestattet das exakte Synchronisieren des bei „6“ positionierten Sekundenzeigers zum Beispiel mit einem Zeitsignal. Nachdem es dieses Top-Kaliber anfangs nur mit Goldgehäuse gab, brachte Nomos 2020 zum 175. Jubiläum Glashütter Uhrmacherkunst eine Sonderedition mit 40,5 Millimeter Stahlgehäuse auf den Markt. Die Sorge, dass sich die drei Modelle der Nomos Lamda, je 175 Exemplare mit weißem, blauem und schwarzem Zifferblatt zum Preis von je 5.800 Euro nicht an den Mann bringen lassen würden, war völlig unbegründet. Diese Armbanduhren verkauften wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln. Inzwischen werden am Parallelmarkt bereits happige Aufpreise verlangt.
Menschen, die gesteigerten Wert legen auf eine imposante Optik am Handgelenk, sind bei Nomos Glashütte völlig fehl am Platz. Die so unprätentiös wie ihre Armbanduhren auftretende Marke wendet sich an Liebhaberinnen und Liebhaber sachlichen Uhr-Designs, die für relativ moderates Geld echte Manufakturarbeit erwerben wollen.
Mit Nomos verknüpfen sich Namen wie Tangente, Metro, Orion, Tetra, Ludwig, Club, Ahoi, Tangomat, Autobahn, Minimatik, neomatik, Zürich, Lux und eben Lambda. Besonders stolz ist Uwe Ahrendt, der geschäftsführende Gesellschafter darauf, dass sich alle Nomos-Produkte auch in Zukunft warten und reparieren lassen werden. Im Müglitztal ist Nomos gegenwärtig an mehreren Orten präsent. Die Zentrale befindet sich im 1937 eröffneten, 2005 erworbenen und danach gründlich renovierten Bahnhof des sächsischen Uhrenmekkas. Seit 2015 gibt es am Erbenhang hoch über der Stadt eine Chronometrie, in der die Assemblage und Reglage der mehr als 100 Referenzen erfolgt. 2017 siedelten die Späne und Schmutz erzeugenden Maschinen in den Glashütter Stadtteil Schlottwitz um. Hier kümmern sich rund 40 der insgesamt circa 250 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter um die Fabrikation unter anderem der Platinen, Brücken und Kloben bis hin zu Zahnrädern. Nachdem die Unruhspiralen für das hauseigene „Swing“-System ebenfalls unter dem eigenen Dach entstehen, beträgt die Fertigungstiefe mehr als 95 Prozent. Alle Kaliber mit der Kennzeichnung DUW, was ausgeschrieben Deutsche Uhren Werke meint, verfügen über das mit Millionenaufwand entwickelte Schwing- und Hemmungssystem. Summa summarum hat Nomos in Glashütte während 30 Jahren schätzungsweise gut 50 Millionen Euro in Forschung, Entwicklung, Gebäude und Maschinenpark investiert. Und das verschafft dem unabhängigen Unternehmen
Ein Maximum an Unabhängigkeit. Interessant ist auch noch eine weitere Zahl: Seit 1991 hat die hinsichtlich ihrer Stückzahlen größte deutsche Uhrenmanufaktur etwa 433.000 Zeitmesser hergestellt und natürlich auch verkauft. Ausnahmslos alle hat Nomos für künftige Nachfragen akribisch im Firmenarchiv festgehalten.
Gisbert L. Brunner